Oder: Die Sittenwächter von Ottensen
»I disapprove of what you say, but I will defend to the death your right to say it«
Evelyn Beatrice Hall, die es Voltaire in den Mund gelegt hat
Club Volantaire am 29. Mai 2026 in Hamburg vorerst ohne Veranstaltungsort
Am 29. Mai 2026 soll zum dritten Mal das linksliberale Debattenformat »Club Volantaire« stattfinden. Diesmal in Hamburg. Thematisch widmet sich die Veranstaltung der Frage, was queerpolitische Einflüsse im Feminismus bewirkt haben. Wie geriet die Frauenbewegung in die aktuelle Lage, welche Folgen haben jene Einflüsse und was passiert da eigentlich, wenn viele Menschen nicht mehr sagen können, was eine Frau ist? Solche Fragen sind zur Reflexion wichtig und notwendig, damit nicht ideologische Verhärtungen und Dogmatismus die Überhand gewinnen. Der Club Volantaire packt sie gewohnt kritisch an, wie zuvor schon in Frankfurt a.M. und München zu verwandten Themen.
Vorerst allerdings stehen wir, die Veranstalter, und unsere Gäste ohne Raum da. Der Betreiber der Lokalität in Ottensen, wo die Veranstaltung geplant war, sieht sich nicht mehr imstande, das Event durchführen zu lassen. Wir wollen nicht zu sehr ins Detail gehen. Es steht uns nicht zu, öffentlich zu machen, was den Betreiber umtreibt. Und wir wollen ihn auch nicht weiter da reinziehen. Nur so viel: Er hat mit wirtschaftlichen Schäden zu rechnen, sollte die Veranstaltung tatsächlich stattfinden. Denn die Lokalität ist eingebettet in ein Milieu, das affin für queerpolitische Ideologeme ist. Entsprechend wirken hier die bekannten Reflexe.
Wir betonen: Dem Betreiber der Lokalität ist kein Vorwurf zu machen. Unabhängig von einer inhaltlichen Positionierung ist die Entscheidung nachvollziehbar. Wir wissen um die Beißreflexe der Neolinken und ihre sektiererischen Methoden, keine abweichenden Meinungen zu dulden – und sei es auch eine feministische oder innerlinke Kritik an ihren regressiven Denkformen und autoritären Praktiken. Deswegen gibt es ja den Club: ein Forum, um über Probleme linker Politik zu diskutieren, die im verengten Meinungsmarkt der Linken nicht mehr verhandelt werden (siehe https://club-volantaire.de/ueber/). Der Vorfall bestätigt nur mal wieder seine Notwendigkeit.
Tragisch ist diese Demonstration der Engstirnigkeit, weil hier eine Veranstaltung behindert wird, die wichtig für eine Bestimmung sowohl der Lage der Frauenbewegung als auch von Polarisierungsprozessen im Land ist. Sprechen sollten dort drei Frauen und eine Transperson. Konkret: eine Frauenrechtlerin und Trägerin des Bundesverdienstkreuzes; eine Universitätsprofessorin, die nichts als den wissenschaftlichen State of the Art darstellt; eine Biologin, die sich ebenfalls darauf beruft und dafür vor einem Millionenpublikum im ZDF diffamiert wurde; und ein Transmann, der vor den Gefahren einer ideologisierten Queerpolitik für Transrechte warnt.
Die woken Sittenwächter wollen diese Stimmen nicht hören. Fair enough, möchte man sagen: Dann geht halt nicht hin! Das reicht ihnen aber nicht. Sie halten die Standpunkte dieser vier Menschen, die aus innerer Überzeugung und wissenschaftlicher Beschäftigung zu ihren Positionen gelangen, für so bösartig und verwerflich, dass sie auch andere Menschen in ihrem Umfeld nicht hören sollen. Die eigenen, inkonsistenten Überzeugungen, die man sich gebildet hat im Internet – unter dem Einfluss anderer Aktivisten oder Fernsehprediger –, brauchen einen Schutzschirm. So funktionieren Sekten. Und dafür dämonisiert man notfalls auch andersdenkende Feministinnen, als seien sie Björn Höcke.
Wir sind entschiedene Gegner der pseudoprogressiven Neolinken, würden aber nie gegen ihre Events vorgehen, egal wo. Solch ein Verhalten zeugt von einer autoritären Gesinnung, die mit demokratischer Kultur nicht vereinbar ist. So wie das Vorgehen gegen einzelne Personen statt gegen ihre Inhalte von einer Mobmentalität zeugt. Dieses Problem muss benannt und diskursiv herausgefordert werden. Auch weil es das linke Lager in eine untragbare Situation gebracht hat. Gerade mit der Debatte um das biologische Geschlecht ab 2022 hat es seine Schwurbelqualitäten bewiesen. Diese Entwicklung gehört aufgearbeitet, einschließlich des bis heute anhaltenden Medienversagens.
Für den 29. Mai 2026 suchen wir jedenfalls eine neue, geeignete Lokalität in der Freien und Hansestadt Hamburg, wo wir die Veranstaltung durchführen können. Hinweise oder Kontakte sind also willkommen. Wir sind vorsichtig optimistisch, dass das gelingt. Und wenn nicht, werden wir andere Wege finden, die Veranstaltung durchzuführen.
Malte Clausen, Judith Faessler & Regina Schliephake
Im Namen des Club Volantaire
16. Mai 2026